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Rainer

Publish and perish at Imperial College London: the death of Stefan Grimm

    Empfohlene Beiträge

    Schon versteckt unter Statusmeldung gepostet, aber ich denke das ist es wert, nochmal hervorgehoben zu werden: 2 Artikel zu dem Thema in Times Hgher Education, einem angesehenen journal in HE:

    Imperial College London to `review procedures' after death of academic

    Imperial College professor Stefan Grimm `was given grant income target'

    und den blog hier:

    Publish and perish at Imperial College London: the death of Stefan Grimm

    Auch im Independent stand was drin.

    Leuten, die im business arbeiten, mag das merkwuerdig vorkommen, dass hier ueber targets lamentiert wird. Allerdings waere anzumerken, dass hochspezialisierte Wissenschaftler nicht von heute auf morgen irgendwo eine andere Stelle finden. Und warum soll Higher Education Gewinn erwirtschaften, ist der Sinn von Unis nicht eigentlich ein anderer?

    Aus eigener Erfahrung und aus Gespraechen mit Kollegen an anderen Unis kann ich bestaetigen, dass es gerade einen grundlegenden Klimawandel an den brit. Universitaeten gibt, in obiger Richtung. Bin gespannt, was da noch passiert in den naechsten Jahren.

    R.

     

     

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    Mann Mann. Starker Tobak. Wer vergibt eigentlich die Grants? Sind das immer die gleichen Institutionen? Ich dachte immer, dass solche Gelder dann dazu da sind, die Forschung zu finanzieren, also Geraete, Mitarbeiter etc. nicht dazu, um Profit zu erwirtschaften? Wohl eine naive Sichtweise.

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    Die grants werden (zumindest in meinem Fachgebiet) von UK research councils und Stiftungen vergeben (fuer andere Faecher kommen womoeglich industrielle Sponsoren hinzu). Diese Quellen aendern sich i.a. relativ wenig. Zu Deinem zweiten Teil - das ist genau der Punkt, der sich vor einigen Jahren entscheidend geaendert hat: Die grossen vom Staat finanzierten research councils haben vor ca. 8 Jahren (vermutich auf Druck der Politik) das sog. full economic costing eingefuehrt. D.h. in Deinem Antrag musst Du *alle* Kosten auflisten, die der Uni durch Dein Projekt entstehen einschl. Gebaeudekosten, Verwaltung, Heizung, Strom,... Dieser Anteil wird direkt von der Uni bei Erfolg abgeschoepft. Abhaengig davon, wie gierig eine Uni ist, macht das zwischen 1/2-2/3 des gesamten beantragten Geldes aus! (ich spreche aus Erfahrung) Man glaubt nicht, wie und was da alles von der Verwaltung reingerechnet wird... so richtig ueberpruefen kann das m.E. niemand. D.h. von dem Geld, das Du selbst fuer die Forschung beantragst, bekommst Du nur einen Bruchteil. Die Wissenschaftler sind damit zu den Milchkuehen der Unis geworden, und natuerlich werden wir kraeftig gemolken. Abhaengig von der Uni werden Wissenschaftler entweder `ermutigt', Antraege zu schreiben oder es werden knallhart jaehrliche targets gesetzt, wieviel Geld jeder Wiss. pro Jahr einwerben muss. Soweit der Hintergrund zu der traurigen Geschichte s.o. Bei uns gibt es (noch) die softere Variante, d.h. wir muessen zumindest nachweisen, dass wir Antraege schreiben, und wenn wir promotet werden wollen, muessen wir Erfolg nachweisen (fair enough). Problem ist, dass es immer schwieriger wird, Geld einzuwerben, weil der Druck so gross ist und so wenig da ist. Bei den research councils liegt die Erfolgsquote etwa bei 10%, der Aufwand fuer einen Standard-Antrag ueber £300k bei mindestens 2 Wochen Arbeit full time (den schreibt man dann an den WE). Ein platform grant wie im obigen Fall gefordert ist exorbitant, viel zeitaufwaendiger und noch schwerer zu bekommen. Kein Wunder, dass er sich die Kugel gegeben hat. Uebrigens scheint er dem Namen nach Deutscher gewesen zu sein...

    Soweit zu der modernen froehlichen Wissenschaft und dem weit verbreiteten Bild des faulen Akademikers, der in seinem office sitzt und sich die Sonne auf den Kopf scheinen laesst.

    Ich personelich habe arge Zweifel an der UK-Idee, aus Forschung und Lehre ein profitables business zu machen und dieses tolle Konzept in alle Welt zu exportieren.

    R.

    bearbeitet von Rainer
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    Ich meine mich zu entsinnen, dass diese Regierung schon in den ersten Monaten verkündete, dass sie kein Geld auf unwirtschaftliche Forschung verschwenden würden. Forschung müsse nachweislich von allgemeinem Nutzen sein, um öffentliche Gelder zu bekommen. Ignoranten.
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    Das ist wirklich tragisch :-( Ich wuenschte, er haette einen anderen ausweg gefunden als den tod...

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    Und warum soll Higher Education Gewinn erwirtschaften, ist der Sinn von Unis nicht eigentlich ein anderer?

     

    Ich denke, dass Universitäten halt auch Teil der Wirtschafts- und Sozialordnung (beziehungsweise darin eingebettet) sind und amerikanische Managementmethoden in entsprechenden Sozialordnungen immer mehr an Einfluss gewinnen. 

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    Neoliberalism.

     

    Wenn Privat(corporate!)finanzierung von Research schon in Medizin und Naturwissenschaften problematisch ist, dann brauchen Humanities garnicht anzufragen. Und wenn die Forschung für den Geber eine Investition ist (steuerfrei. nice.), dann braucht keiner zu glauben, dass humanitär geprägte Erforschung marginaler Probleme noch erfolgen wird. Das ist katastrophal für die Wissenschaft und Wissenschaftler, aber langfristig auch für die Menschheit.

     

    Ist dat wirklich überall so schlimm wie es hier immer mehr wird?

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    Das ist das erste was ich davon hoere und ich arbeite an dieser ehrenwerten Institution.

    Allerdings hat Medizin hier auch einen besonders schlechten Ruf was die Karriereaussichten oder auch nur eine dauerhafte Anstellung angeht.

    Ansonsten ist Imperial gross genug, dass es sich von einem Durchschnittsunternehmen aehlicher Groesse nur unwesentlich davon unterscheidet, was "employee welfare" angeht, d.h. sie scheren sich (als Institution, einzelne Leute sind natuerlich immer mal wieder die Ausnahme) einen feuchten Dreck.

     

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    Tja, das ist halt Kapitalismus. So Sachen wie das Humboldt'sche Bildungsideal werden der angelsächsischen Krämerseele immer fremd bleiben. Le art pour le art begreift der BWLer halt nicht.

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    Ich meine mich zu entsinnen, dass diese Regierung schon in den ersten Monaten verkündete, dass sie kein Geld auf unwirtschaftliche Forschung verschwenden würden. Forschung müsse nachweislich von allgemeinem Nutzen sein, um öffentliche Gelder zu bekommen. Ignoranten.

     

    Weitere interessante Neuerung: Fuer jeden Projektantrag musst Du auf etwa 4-5 Seiten (von ca. 20) begruenden, was der socio-economic impact Deiner geplanten Forschung ist und inwieweit er ` of national importance' ist ueber die naechsten 10-50 Jahre. Das ist fuer Grundlagenwissenschaftler wie insbesondere meine Kollegen aus der reinen Mathematik etwas schwierig... Das ist eher das, was in der Industrie als Forschung und Entwicklung bezeichnet wird, d.h. die Idee dahinter ist, die Unis zu Zulieferern der industrie zu machen. In Deutschland uebernehmen Fachhochschulen diese Rolle, die hier mit den Unis verschmozen sind.

    Aber wen interessiert schon Grundlagenforschung wie z.B. Quantentheorie, die vor ca. 100 Jahren impact und national importance-frei geboren wurde, rein aufgrund wiss. Neugier, und auf der Kernspintomographen, die gesamte Mikro/Nanoelektronik, die Atombombe und Kernfusion uswusf. basieren? Geht ueber die Amtszeiten von Politikern hinaus.

     

    Wenn Privat(corporate!)finanzierung von Research schon in Medizin und Naturwissenschaften problematisch ist, dann brauchen Humanities garnicht anzufragen.

     

    Die ueberleben m.E. nur, weil die Kiddies das gerne studieren - einfacher als die Naturwissenschaften, und man bekommt trotzdem einen bachelor. D.h. einige Disziplinen leben groesstenteils von den Studiengebuehren, und nebenbei machen die staff members ein bisschen Forschung.

     

    Ist dat wirklich überall so schlimm wie es hier immer mehr wird?

     

    Aus meiner Sicht, was die brit. Unis angeht: ja. Ausser Oxbridge, die leben auf einem anderen Planeten.

    R.

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    Weil Rainer es auch erwaehnte:

    Als ich in Reading war, wollte die Uni meinem Betreuer 400GBP fuer den Anschluss eines Telefons abknoepfen. Er hat dankend abgelehnt.

    Wollte ich dann was von Firmen, musste ich sie entweder anschreiben via Email (langwierig und Zeit fressend) oder das Gespraech selbst bezahlen mit meinem Handy. Dumm, wenn die Firma im Ausland war.

     

    Rainer, wie waere es denn gleich mal, wenn wir in diesem Zusammenhang ueber den peer-review process sprechen? Diese Druck, Gelder einzuwerben, verursacht naemlich, dass immer mehr Wissenschaftler Laecherlichkeiten zu high impact papers aufbauschen oder Paper gar faken. Wer viele Publikationen hat, dem wird gegeben. 

     

    Hierzu einige Links:


    Hier ein Beispiel (Links im Link), wie lange so ein Publishing process dauern kann (Jahre), http://www.lookingatnothing.com/index.php/archives/1415. 

     

    172 paper gefaked:



     

    Und wenn jetzt so ein Druck bei Professoren aufgebaut wird, dann kann man sich vielleicht auch mal ueberlegen, was bei Post-docs (Laborsklaven, denn fuer Techniker fehlt das Geld) und PhD students abgeht. 

     

     

    Und es ist nicht nur so schlimm im UK, in Frankreich und in den USA sieht es genauso aus.

    Ich habe mal Physik aus Freude am Fach studiert, heutzutage fuehle ich mich absolut verarscht in mancher Hinsicht, weil ich mich an ethische Standards halte und nicht betruege.

     

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    Beim zweiten Link beschwert sich Herr Martin Wilkins "I know that you have been seeking external funding but I have concerns about running a research programme based on students."

    Auf welchem Planeten lebt dieser Herr eigentlich? Hat er eine Ahnung, wie teuer ein Post-doc ist? Es wird schon seine Gründe haben, warum man sich nur noch Master students, externally funded oder self-funded PhD students leisten kann. 

    Ich hoffe, Herr Wilkins wirbt genug Gelder ein und seine Paper basieren auf einer ausreichenden Statistik. 

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    full economic costing
    [...]
    einschl. Gebaeudekosten, Verwaltung, Heizung, Strom,... Dieser Anteil wird direkt von der Uni bei Erfolg abgeschoepft. Abhaengig davon, wie gierig eine Uni ist, macht das zwischen 1/2-2/3 des gesamten beantragten Geldes aus! (ich spreche aus Erfahrung) Man glaubt nicht, wie und was da alles von der Verwaltung reingerechnet wird... so richtig ueberpruefen kann das m.E. niemand. D.h. von dem Geld, das Du selbst fuer die Forschung beantragst, bekommst Du nur einen Bruchteil. Die Wissenschaftler sind damit zu den Milchkuehen der Unis geworden, und natuerlich werden wir kraeftig gemolken.

     
    Ich finde es etwas einseitig, der Uni-Verwaltung den schwarzen Peter zuzuschieben. Ich bin wahrlich kein Fan von fEC und kann die aufgeführten "Verwaltungskosten" selten nachvollziehen, aber die eigentliche Ursache ist doch gesamtpolitisch, d.h. außerhalb der Uni, zu finden: fEC war mW anfangs durchaus als Erziehungsmaßnahme gedacht, so dass Unis selbst die versteckten Kosten sehen, die bei Projekten anfallen und somit nicht in eine Kostenfalle geraten - manche Institutionen haben die Kosten nämlich unterschätzt, so konnte es durchaus vorkommen, dass zwar viel Funding für Projekte eingeworben wurde, aber die Uni in Bedrängnis geriet, die Projekte zu unterstützen, eben weil das Funding nicht Heizkosten, Stühle etc. abdeckte. Aus Politiksicht war das allerdings auch ein perfider Trick um Druck zu erzeugen, Verwaltungskosten einzusparen. Und nun werden die Funding-Pötte immer kleiner, zudem zahlen Charities, Stiftungen sowie EU sowieso nicht den Verwaltungskostenanteil, d.h. da verliert die Uni im Prinzip Geld bei jedem Projekt. Die Folge: Wo immer möglich, setzt die Uni-Verwaltung die Verwaltungskosten natürlich höchstmöglich an, weil die Verwaltung halt auch irgendwie finanziert werden muss, jetzt, wo die Unis sowieso weniger generelles Staatsgeld bekommen. 
     
    Wissenschaftler sehe ich somit nicht als Milchkühe, sondern eher als Zuhälter (oder schlimmer: Estate Agents), weil es den Druck gibt, besonders solche Forschungsgelder anzuschaffen, die die Verwaltungskosten bestmöglichst abdecken.
     

    Weitere interessante Neuerung: Fuer jeden Projektantrag musst Du auf etwa 4-5 Seiten (von ca. 20) begruenden, was der socio-economic impact Deiner geplanten Forschung ist

     

     

    In dem Zusammenhang fand ich sehr amüsant, dass, als der 'Impact' eingeführt wurde, erst einmal monatelang diskutiert werden musste, was die Kriterien für nachgewiesenen 'Impact' sind. Weiß man immer noch nicht 100%ig, oder? Wird spannend, wenn wir's  am 17./18. Dezember bei der Verkündung der REF-Ergebnisse vielleicht erfahren.

    (Für nicht Uni'ler: REF ist eine gigantische nationale Forschungs- Publikationsqualitätsbewertung, auf deren Basis Unis einen sehr fetten Staatsgeldbeitrag bekommen)

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    Das spielt sich bei uns vielleicht nicht so dramatisch ab, aber der Trend ist der gleiche.

     

    Was Funding und FEC angeht, wird es darauf hinauslaufen, dass man sich nur noch auf Grants bewerben kann, die FEC decken, dh alles was ausserhalb UK stattfindet und nicht Gates heisst, wird disqualifiziert. Das wird die Geldquellen noch weiter ausduennen.

     

    Ich gebe C'liner voellig recht darin, dass das eine Konsequenz der Wissenschaftspolitik ist. Manche Unis sind dann besser als andere darin, ihre Wissenschaftler von den Auswuechsen zu schuetzen. Wir hatten es gut, weil wir beim letzten REF so gut abgeschnitten haben, aber das kann in ein paar Wochen schon ganz anders aussehen.

     

    Btw, Rainer, unsere "applied social sciences" haben es auch schwer, Impact nachzuweisen. Politikberatung - also Impact auf Policy - ist da nicht gut genug. Man muss direkt Leben retten, um was darzustellen.

     

     

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    Was machen da denn die Philosophen, Theologen, Linguisten, Ethnologen und weiss nicht was? Alles was sie erforschen und diskutieren bleibt wichtig für die Mensvhheit als Ganzes, aber ob es sich lohnt? Man möchte hoffen dass es keinerlei finanziellen Wert schafft! Wer soll sich denn darum kümmern, oder soll das im UK abgeschafft werden?
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    Naja, das ist ja nix Neues. Seit der Verdreifachung der Studiengebuehren letztes Jahr ist das Funding fuer die Humanities ja quasi schon auf Null zurueckgefahren worden, und diese Studiengaenge finanzieren sich im Prinzip jezt schon ausschliesslich durch die \fees. Dass da alles in die Lehre gesteckt wird und so gut wie nix fuer die Forschung uebrigbleibt, kann sich sogar ein Geisteswissenschaftler ausrechnen.

     

    Und Suse, da Du ja selbst auch im Publishing bist: die ganze Open Access-Diskussion im Rahmen der Finch-Studien laesst die Humanities (und die Tatsache, dass man dort anders publiziert bzw. Impaktfaktoren weniger aussagekraeftig sind) auch ganz unter den Tisch fallen.

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    Rainer, wie waere es denn gleich mal, wenn wir in diesem Zusammenhang ueber den peer-review process sprechen? Diese Druck, Gelder einzuwerben, verursacht naemlich, dass immer mehr Wissenschaftler Laecherlichkeiten zu high impact papers aufbauschen oder Paper gar faken. Wer viele Publikationen hat, dem wird gegeben.

     

    Das ist ein aehnliches, allerdings neues komplexes Thema. Hier ist der Druck nicht UK-spezifisch sondern baut sich international auf, aus vielschichtigen Gruenden. Die grundlegende Tendenz ist aehnlich: Wissenschaft in business zu transformieren, hier sind dann die Anzahl der Publikationen und der Zitierungen die `Waehrung'. Auch das funktioniert nicht wirklich, degradiert Wissenschaft und fuehrt zu Auswuechsen wie von Dir beschrieben.

     


    Ich finde es etwas einseitig, der Uni-Verwaltung den schwarzen Peter zuzuschieben.

     

    Das ist wohl ein Missverstaendnis: Ich habe oben von `Klimawandel' geschrieben und von polit. Druck auf die research councils, aber mich vielleicht nicht klar genug ausgedrueckt diesbzgl. Die Unis `reagieren' 'nur', der eigentlich Druck, das gesamte System zu kommerzialisieren, kommt von oben, s. auch Studiengebuehren. Der Staat hat sich weitgehend aus der Finanzierung der Unis zurueckgezogen, jetzt soll sich das System groesstenteils selbst tragen. Das fuehrt zu grandiosen Fehlleistungen. Den Klimawandel laste ich den Politikern an, wie darauf reagiert wird den Unis. Die haetten sich mehr dagegen wehren sollen oder sollten das tun anstatt brav ihre inadaequaten management und business-Strukturen einzufuehren. Den Tod von Grimm hat jedenfalls kein Politiker (direkt) zu verantworten.
     

    Wissenschaftler sehe ich somit nicht als Milchkühe, sondern eher als Zuhälter (oder schlimmer: Estate Agents), weil es den Druck gibt, besonders solche Forschungsgelder anzuschaffen, die die Verwaltungskosten bestmöglichst abdecken.

    Hm, also ich kann mich nicht als Zuhaelter oder Estate Agent identifizieren: Sehe nicht, wen ich zuhalte (meine Doktoranden, master students oder postdocs jedenfalls nicht, die schaffen kein Geld fuer mich an). Eher ist meine Uni der Zuhaelter, der mich auf die Strasse schickt, um Geld einzuwerben und dabei die Wissenschaft prostituiert. Estate Agent auch nicht wirklich, denn in den grants ist ja nicht nur estate drin sondern auch person costs, d.h. ich werbe Geld ein fuer Mitarbeiter und - wichtig - auch z.T. mein eigenes Gehalt! Auch sowas wird gewuerdigt. Daher mag ich die Milchkuh. :icon_smile:

     

    In dem Zusammenhang fand ich sehr amüsant, dass, als der 'Impact' eingeführt wurde, erst einmal monatelang diskutiert werden musste, was die Kriterien für nachgewiesenen 'Impact' sind.

     

    Wie auch Stellar andeutet, und wir haben das an unserer School lang und breit diskutiert, ist `impact' fuer REF und research councils unterschiedlich definiert: RCs haben eine `weiche' Def., REF hat eine `harte'. Spannend ist, was es fuer einen impact beim naechsten REF geben wird.

    Btw, was viele vielleicht auch nicht wissen: Die REF submission diesmal wurde an impact gekoppelt, d.h. jede Uni musste impact cases einreichen, und pro impact case durfte sie dann um die 12 (glaube ich) Wissenschaftler einreichen zur wiss. Evaluation. D.h. socio-economic impact als notwendige Bedingung, um Forschungsgelder zu bekommen. Auch sehr kreativ.

    R.

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    Rainer, wie waere es denn gleich mal, wenn wir in diesem Zusammenhang ueber den peer-review process sprechen? Diese Druck, Gelder einzuwerben, verursacht naemlich, dass immer mehr Wissenschaftler Laecherlichkeiten zu high impact papers aufbauschen oder Paper gar faken. Wer viele Publikationen hat, dem wird gegeben.

     

    Das ist ein aehnliches, allerdings neues komplexes Thema. Hier ist der Druck nicht UK-spezifisch sondern baut sich international auf, aus vielschichtigen Gruenden. Die grundlegende Tendenz ist aehnlich: Wissenschaft in business zu transformieren, hier sind dann die Anzahl der Publikationen und der Zitierungen die `Waehrung'. Auch das funktioniert nicht wirklich, degradiert Wissenschaft und fuehrt zu Auswuechsen wie von Dir beschrieben.

    Das Problem Quantitaet versus Qualitaet gab es schon immer, auch in Deutschland. Wer mal in einer Besetzungskommission sass, wird das auch zu bestaetigen wissen. Da wurde teilweise in der Tat einfach die Anzahl der Publikationen gezaehlt. Fuer mich zaehlen nachwievor wenige hochwertige Publikationen deutlich mehr als viele (unter-)durchschnittliche Publikationen.

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    Problem ist, dass Manager i.a. die Qualitaet von Publikationen nicht bewerten koennen, weil sie den Inhalt nicht verstehen. Zaehlen von Artikeln und impact Faktoren geht gerade noch...

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    Wissenschaft in business zu transformieren, hier sind dann die Anzahl der Publikationen und der Zitierungen die `Waehrung'. Auch das funktioniert nicht wirklich, degradiert Wissenschaft und fuehrt zu Auswuechsen wie von Dir beschrieben.

     

     

    Vorsicht - bewusst ueberspitzt!

    Das passiert leider wenn Politdarsteller ohne Vision das Feld raffgierigen Haien überlassen (muessen) die nur eine weitere Business Opportunity sehen. Damit wird eine WissenschaftsINDUSTRIE aufgebaut die nur kurzfristigen Zwecken dient. Ein wenig wie die Quartalspolitik der Konzerne. Und ehrenwerte Professoren die aus Idealismus arbeiten (soweit der noch vorhanden ist), werden als dumme Esel vorgespannt um den Studenten ein Pseudo-Bild von Wissenschaft zu zeigen. Wenn man aus Angst um seine Karriere nur noch Grants nachrennt kommt man doch nicht mehr zum richtigen Denken - das worum es eigentlich gehen sollte!

    Aus meiner Sicht ist die so wichtige und gleichzeitig verwundbare Grundlagenforschung immer in Staatshaenden zu halten. Denn Konzerne kuemmern sich nur darum was morgen ein Produkt ist. Und mit "morgen" sind 2 Jahre schon fast zuviel.

    Die hellsten Koepfe sitzen eigentlich in der Wissenschaft. Aber ob von innen heraus eine Revolution moeglich ist?

     

    Nachtrag: warum spricht eigentlich keiner ueber diesen Konferenzwahnsinn der in den letzten Jahren hereingebrochen ist? Soviel neue Konferenzen auf jedem Erdteil, zu jedem unmoeglichen Thema. Das kann keiner mehr ueberblicken und der Qualitaet dient das in keinster Weise.

    bearbeitet von inner_fire
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    Naja, das mit der Forschung in der Industrie ist mittlerweile auch nicht mehr ganz so einfach und kann nicht mehr rein kurzfristig ausgelegt sein. Warum? Weil gewisse Felder mittlerweile mit Patenten zugepflastert werden. Und das wird immer schlimmer. Waehrend frueher Patente hpts fuer die Defensive genutzt wurden, gibt es mittlerweile Firmen, die diese aggressiv offensiv einsetzen. Du bist heutzutage also gezwungen, auch in der industriellen Forschung weiter in die Zukunft zu denken. Ich darf natuerlich nicht sagen, wie viel Geld wir im Bereich IP ausgeben, ich kann allerdings andeuten, dass es eine aeusserst betraechtliche Summe ist. Nicht weil wir es wollen, sondern weil wir es muessen, sonst hast Du keine "Waffen", Dich gegen die Konkurrenz zu verteidigen.

    Was ich wirklich aeusserst fragwuerdig finde ist, wenn mittlerweile auch Unis kraeftig bei den Patenten mitmischen. Frueher war das Hauptziel Forschung und Veroeffentlichung zum Wohl der Allgemeinheit, das Teilen der Ergebnisse mit allen. Auch das hat sich mittlerweile geaendert. Wir haben gerade mit einem Fall zu kaempfen, wo ein Prof einer bekannten Uni im UK eine eigene Firma gegruendet hat, die auf dem gleichen Gebiet forscht wie er selbst im Rahmen eines akademischen Konsortiums. Die Konsortienteilnehmer fanden es nicht besonders witzig, als zu Forschungsthemen des Konsortiums auf einmal Patentantraege seiner eigenen Firma aufgetaucht sind...

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    Waehrend frueher Patente hpts fuer die Defensive genutzt wurden, gibt es mittlerweile Firmen, die diese aggressiv offensiv einsetzen. Du bist heutzutage also gezwungen, auch in der industriellen Forschung weiter in die Zukunft zu denken.

     

    kann ich aus 2. Hand bestaetigen. Verwandter sitzt an der Westkueste USA in bedeutendem IT Unternehmen. Die haben in den Kaffeepausen sich Patente "ueberlegt" und intern eingereicht. Wird streng geprueft, wenn es erfolgreich schien wurde gebeten hier weiterzudenken und auszuformulieren. Gab bei internem Erfolg einige 100$, wenn es extern auch nochmal erfolgreich war (also richtig durchging) dann weiterer Bonus. Die sind oftmals aus "thin air" entstanden. Aber die Mitarbeiter haben des Bonus wegen gerne mitgemacht...

     

    Patente auf der Uni - die werden ja  auf den Geschmack gebracht, EU Foerderprojekte sei Dank. Da muss man  haarklein angeben was im Falle von Patentanmeldungen welchem Partner gehoert. Logischerweise ueberlegen sich die Universitaeten dann auch wie sie was vom Kuchen abgekommen koennen.

    bearbeitet von inner_fire
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    Witzig, dass die Unis jetzt unerwuenscht mit Patenten Firmen Konkurrenz machen. Aber genau diese Richtung ist ja politisch gewollt!

    Und wg. boom von Konferenzen: Es gibt auch gerade einen boom bei online Publikationen. Jede Woche bekomme ich neue Einladungen, meine Artikel zu diesem oder jenem neuen obskuren online jounral zu schicken - natuerlich mit saftigen publication charges. Da ist ein neuer Markt entstanden, wo wir wieder gemolken werden. Nur kann die hohen Gebuehren kaum noch jmd. uebernehmen, unsere Uni zahlt jedenfalls nur noch sehr begrenzt. Auf der anderen Seite insistieren die research councils auf free access, was den Markt belebt aber absurd ist, wenn keiner die Gebuehren bezahlen kann/will.

    Wie man sieht ist da einiges im Gange auf allen Ebenen, leider nicht unbedingt im Sinne der Foerderung guter, solider Wissenschaft. Eher so ein bisschen Kultur- und Zivilisationsverfall durch Kommerz.

    R.

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    Wie man sieht ist da einiges im Gange auf allen Ebenen, leider nicht unbedingt im Sinne der Foerderung guter, solider Wissenschaft. Eher so ein bisschen Kultur- und Zivilisationsverfall durch Kommerz.

    R.

     

    Passend zum Topic wegen dem wir eigentlich hier sind: fuer mich gilt "publish or perish OR leave". Habe mich schweren Herzens fuer das 3. entschieden. Weil in der Industrie ist klar, dass es nur ums Verkaufen geht. Da gebe ich mich nicht der Illusion hin das es fuer ein "hoeheres" Gesamtwohl dient - auch wenn die Produkte an sich natuerlich schon den Menschen helfen koennen, keine Frage.

    Wenn es mich mal wieder aufwuehlt dann schaue ich gerne auf http://www.phdcomics.com

    Dann fange ich wenigstens zum Schmunzeln an.

     

    bearbeitet von inner_fire
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    traurig.

     

    naja, der Wind ist in nichtakademischen Beschäftigungsbereichen in den letzten 10 Jahren allerdings auch rauher geworden.

     

    im akademischen befristet eingestellten Mittelbau deutscher Universitäten war das aber auch schon länger so, dass man sich da nicht lebenslang halten konnte, wenn man erfolglos war, und das hat sich auch schon damals nicht unerheblich am Einwerben von Drittmitteln bemessen.

     

    In USA war es schon lange so, dass ein nicht unerheblicher Teil der eingeworbenen Gelder von der Verwaltung abgezwackt und mit dem label "overhead" versehen wurde. Meine Kollegen haben dann damals einfach ihre eigene, effizientere Verwaltungsgesellschaft gegründet.

     

    Ich denke auch eine Uni ist es der Gesellschaft schuldig, sorgfältig die produktivsten Köpfe zu selektieren, und da können halt nicht alle die nach dem Studium in Akademia anfangen, erwarten, eine Lebensstellung zu bekommen.

     

    Die Frage ist natürlich woran sich Erfolg bemessen soll, und da scheiden sich die Geister. Publikationen und Forschungsprojekte im Wert zu messen ist halt schwierig. Und ungesund ist natürlich die Fehlentwicklung dass langfristige Forschungsprojekte zu wenig gefördert werden, und auf die auf den ersten Blick nützlicher und (im pekuniären Sinne) ertragreichere Forschung mehr abbekommt als die langfristig fundamental wichtige Grundlagenforschung.

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